Amtssitz des Bundespräsidenten
© Raimond Spekking (via Wikimedia Commons)
Der Bundespräsident ist wider Willen Teil von etwas Einmaligem in unserer Geschichte geworden. Noch nie stand ein amtierendes Deutsches Staatsoberhaupt so in der öffentlichen Kritik, wie Christian Wulff. Und das stimmt mich persönlich sehr nachdenklich.

Keine Sorge, ich will weder verteidigen, was der ehemalige Ministerpräsident von Niedersachsen und seine Frau da verzapft haben, noch will ich darüber urteilen. Meiner Überzeugung nach macht das ein Anderer. Aber ich sehe hier eine erstaunliche Parallele zu einem alten Brauch aus der Bibel. Bundespräsident Wulff als höchster Repräsentant des Volkes dient uns als Sündenbock. 
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Bundespraesident Christian Wulff
© Martina Nolte (via Wikimedia Commons)
"Besser die Wahrheit" ist ein Buch, das 2008 erschienen ist. Dabei handelt es sich um ein Gespräch, das in Buchform heraus gebracht wurde. Der prominente Gesprächspartner war Christian Wulff. Der CDU Politiker wirbt darin für Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit.

Und besonders deshalb steht er jetzt bei vielen in der Kritik. Und diese Kritik reißt einfach nicht ab, weil scheinbar immer neue Ungereimtheiten und Halbwahrheiten ans Licht kommen. Aber wofür wird Wulff eigentlich wirklich kritisiert? Wegen der Ungereimtheiten, dem Widerspruch zu seinem Ideal? Oder weil wir ihm so ähnlich sind?

Die meisten von uns würden doch sagen: "Besser die Wahrheit" oder "Lügen haben kurze Beine". Und wie genau nehmen wir es damit, wenn unser Ansehen, unser Beruf oder unsere Beziehungen auf dem Spiel stehen? Sind wir dann nicht geneigt, uns die Wahrheit zurecht zu legen und zu verschleiern? Ganz ehrlich: ich schon. Schuldig im Sinne der Anklage.

Ich habe die Vermutung, dass ich damit nicht allein bin. Und deshalb braucht unsere Gesellschaft gerade den amtierenden Bundespräsidenten - und zwar als Sündenbock.

Sündenbock gesucht
In der Bibel, im Buch Levitikus, Kapitel 16 können wir nachlesen, wie das in Israel vor sich gegangen ist. Es ging um die Vergebung der Sünden des ganzen Volkes. Der Hohepriester hatte zwei Ziegenböcke vor sich. Der eine wurde stellvertretend für das schuldbeladene Volk getötet. Dem zweiten Ziegenbock legte der Hohepriester die Hände auf und übertrug die Sünden aller auf ihn. Dann wurde das arme Tier in die Wüste gejagt.

Das ist die Parallele, die ich meine:

Die Medien fungieren hier als Hohepriester. Sie übertragen unsere Lügen und Unwahrheiten auf Bundespräsident Christian Wulff. Denn wir sind nicht wirklich besser als er. Aber in seinem Amt steht er nun mal im grellen Licht der Öffentlichkeit. Und nun soll er in die Wüste geschickt werden. Er soll zurück treten und in der politischen Bedeutungslosigkeit verschwinden. Denn wie die Israeliten wollen auch wir nicht dauerhaft mit unseren eigenen Fehlern konfrontiert werden.

Aber das Bild ist nicht vollständig. Etwas Entscheidendes fehlt: der Ziegenbock, der sterben muss. Sonst ist das Ritual unvollständig und wirkungslos. Nein, ich denke da nicht an einen geeigneten zweiten Politiker. Aber es hat einen Menschen gegeben, der für uns schon zum Sündenbock gemacht wurde. Und das hat er mit dem Leben bezahlt. Ich rede von Jesus Christus.

Jesus Christus - der wahre Sündenbock
Anders als Christian Wulff war Jesus tatsächlich ein Mann ohne Fehl und Tadel - völlig unschuldig. Trotzdem wurde er wie ein Verbrecher zum Tode verurteilt - zum Tod durch Kreuzigung. Aber erstaunlicher Weise geschah das nicht unfreiwillig. Denn das war die Mission von Jesus. Er wollte unsere Schuld auf sich nehmen, weil er der Einzige ist, der sie wirklich tragen kann.


Und er ist auch der Einzige, der uns wirklich von unserer Schuld befreien kann. Unsere Schuld auf den Bundespräsidenten zu übertragen - das funktioniert niemals. Deshalb brauchen wir auch immer wieder einen neuen Sündenbock, über den wir uns aufregen können - nur damit wir uns besser fühlen und nicht so schuldig.

Oder wir bekennen Jesus unsere Schuld - die Halbwahrheiten, Notlügen und Ungereimtheiten. Ich mache das so: Ich bete und sage: "Jesus, ich habe gelogen. Es tut mir leid. Bitte vergib mir meine Schuld und gib mir die Kraft, wahrhaftig zu sein. Danke, dass Du meine Schuld am Kreuz getragen hast. (Amen.)"

Ich kann Dir versprechen: Das funktioniert. Ganz egal ob Du Bundespräsident bist oder ein stinknormaler Bürger.

Was haltet Ihr vom Skandal um unser Staatsoberhaupt? Und wie geht Ihr damit um, wenn Ihr Eurem Ideal nicht gerecht werden könnt? Bin gespannt auf Eure Meinungen und Geschichten!

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Comments

Hans K. böhringer
16/01/2012 08:57

Ihre Sicht der Dinge ist sehr einseitig.
Unser derzeitiger Bundespräsident ist nicht "wie du und ich". Er steht in der Öffentlichkeit und repräsentiert Deutschland. Da sind andere Maßstäbe anzulegen und das muss der Bundespräsident auch wissen.
Ich bin auch der Ansicht, dass er nicht zum Sündenbock "gemacht wird", er sorgt ganz alleine für diese sehr unangenehme Optik.
Primär geht es m.E. nicht um das, was ihm als Fehler unterlaufen ist, sondern viel mehr um seine Reaktion. Er steht nicht überzeugend zu seinen Verfehlungen, er verschleiert und er lügt. Das ist die wirkliche Beschädigung des Amtes und deshalb hat er das Vertrauen der meisten Bundesbürger unwiederbringbar verspielt.

Reply
16/01/2012 10:15

Sehr geehrter Herr Böhringer,

vielen Dank für Ihren Kommentar und Ihre Sicht der Dinge. Ich gebe Ihnen Recht, dass mein Artikel nicht alle Blickwinkel beleuchtet, die es zu beachten gilt. Das ist auch nicht meine Absicht. Denn in der mir bekannten Berichterstattung werden, meiner Meinung nach, bestimmte Aspekte über- und andere unterbelichtet.

Wie ich sagte, habe ich nicht vor, etwas zu entschuldigen, was der Bundespräsident getan hat oder tut. Aber ich will es auch nicht be- und ihn verurteilen.

Dass für ihn andere Maßstäbe gelten als für uns stimmt meines Erachtens aber nur in der Wahrnehmung der Menschen. Und darauf zielt mein Artikel ab. Vor Gott sind er, Sie und ich völlig gleich. Und daher wird jeder von uns Ihm in gleicher Weise Rechenschaft ablegen müssen für unser Handeln.

Ich denke, die aktuelle Affaire sollte deshalb jedem von uns dazu dienen, unser eigenes Leben zu überprüfen. Wir sollten uns ernsthaft fragen: Bin ich anders? Wo handele ich genau so? Wie möchte ich mich ändern? Wenn ich, wie Jesus es genannt hat, den Balken aus meinem Auge gezogen habe, erst dann kann ich mich um den Splitter des Bundespräsidenten kümmern.

Liebe Grüße,

Dominique Pfeiffer

Reply
Hans K. Böhringer
19/01/2012 16:31

Ich kann Ihnen in Ihrer Sicht der Dinge nicht widersprechen. Sie sehen das rein menschlich im Sinne "vor Gott sind alle Menschen gleich". Ich sehe es als Thema der Öffentlichkeit und da macht es schon einen Unterschied, wenn der Bundespräsident lügt und verschleiert. Es geht um Vertrauen in die Person, die das höchste Staatsamt ausfüllen soll. Klar, dass ein Mensch auch da fehleranfällig ist, aber er müsste dann auch konsequent zu seinen gemachten Fehlern stehen. Dann könnten ihm sicher auch die Bürger verzeihen, aber so, wie das in den letzten Wochen abläuft, verliert er die Achtung und das wiederum ist mit dem Amt nicht vereinbar.
Liebe Grüße

19/01/2012 18:09

Hallo Herr Böhringer,

danke für Ihre Beteiligung an dieser Diskussion. Ihre Beiträge sind sehr nachdenkenswert. Ihre Position kann ich absolut nachvollziehen. Eine in der Frankfurter Rundschau veröffentlichte Umfrage gibt Ihnen Recht und sagt 46% sind für und 45% gegen einen Rücktritt von Wulff.

Ohne Frage hat ihm diese andauernde Affaire extrem geschadet. Aber meiner Meinung nach trägt Er nicht allein die Schuld für die Beschädigung des Amtes des Bundespräsidenten. Dieser Dauerbeschuss der Medien verfehlt seine Wirkung nicht.

Ob diese Reaktion unter anderen Umständen eine andere gewesen wäre, bleibt sicher Spekulation. Aber ich bin völlig bei Ihnen: mit offenen Karten zu spielen ist besser, als zu drohen und zu vertuschen.

Liebe Grüße,

Dominique Pfeiffer

16/01/2012 12:10

Hallo Dominique.
Danke für diesen Artikel. Die Parallele ist wirklich genial. In welcher Gesellschaft leben wir eigentlich, wenn erst so weit kommen muss, dass man versucht seine Fehler zu verschleiern, von denen man genau weiß, aber sie nicht zugegeben werden können, weil dann das passiert, was genau jetzt passiert. Eine Meute von Pressemenschen, fallen über einen Menschen her, der gar keine Chance bekommt alles auszupacken, ohne dass ihm Vergebung zugesprochen wird. Wenn wir wüssten, dass wir unsere Verfehlungen und Lügen aussprechen können, und dann Vergebung zugesprochen bekommen, dann würden es bestimmt mehr Menschen tun. Dann könnte man wirklich aufrichtig leben. Aber diese Affäre macht genau das Gegenteil deutlich. Selbst wenn unser Präsident alle seine Fehler eingestehen und darüber Reue zeigen würde, dann würde der Ruf nach seinem Rücktritt nur noch lauter werden, anstatt ihm das Vertrauen auszusprechen.
Tja, so sind wir Menschen.
Toller Artikel.
Liebe Grüße
Hagen

Reply
16/01/2012 15:20

Grüße Hagen,

vielen Dank für Dein Feedback. Freut mich zu hören. Danke für den Aspekt der Vergebung in dieser Diskussion. Finde ich sehr spannend. Denn hier werden wir auch mit unserer eigenen Vergebungs-Bereitschaft konfrontiert.

Wären wir als Gesellschaft bereit, unserem Bundespräsidenten seine Verfehlungen zu vergeben? Welche Bedingungen müssen dafür erfüllt sein? Ist es eigentlich besser, wenn ich von den Übertretungen eines Politikers nichts weiß? Oder ist es uns lieber, es kommt ans Licht und wir müssen damit umgehen, dass er oder sie nicht perfekt ist? Und wenn letzteres, sind wir selber auch bereit zu einem so transparenten Leben?

Spannende Fragen. Was meint Ihr dazu?

Reply
Hans K. Böhringer
19/01/2012 16:46

Hallo Hagen,
auch hier leider Widerspruch. Ich denke schon, dass jeder Mensch die Chance hat, Verfehlungen einzugestehen, die Frage ist nur, ob er den Mut dazu hat. Ein Bundespräsident hat zwangsläufig in der Öffentlichkeit weniger Rabatt, aber ich fände es trotzdem anständiger, wenn er seine Fehler einräumen würde. Ich bin auch, im Gegensatz zu Ihnen, der Ansicht, dass Verzeihen und Vergeben wahrscheinlicher ist als unter den gegebenen Umständen. Wer in dieser Position beim Lügen ertappt wird, hat sicher weniger Verständnis zu erwarten, als bei einem sofort eingestandenen Fehler. Früher oder auch etwas später wird der momentane Bundespräsident zurücktreten müssen, eben weil er sich durch sein ungeschicktes Verhalten das Vertrauen der Bürger verscherzt.
Die Situation erinnert mich ein wenig an zu Guttenberg.
Lieb Grüße
Hans

Reply
23/01/2012 11:15

Hallo Hans!
Danke für den Einwand. Ein entscheidener Schritt ist immer, wenn man sich nicht lange versucht rauszuwinden, sondern sagen kann: "Hier und dort habe ich Fehler gemacht!" Was ich empfinde: Hier dreht sich eine Spirale. Und beide Seiten, die des Bundespräsidenten und die der Medien, verwirbeln hier so stark ineinander, dass schließlich keiner mehr "heil" raus kommt. Das Problem ist nur, die Medien oder einzelne Zeitungen oder Magazine, werden nie zugeben Fehler gemacht zu haben und können auch nicht zurücktreten. Höchstens, bei einzelnen Journalisten. Doch wenn man einen Journalisten der Falschaussage beschuldigt, dann könnte dies wahrscheinlich zur Flucht nach Vorne führen, dass dann gesagt wird, es werde die Pressefreiheit beschnitten. Wir sehen, es ist ein sehr kompliziertes Spiel. Und im Moment sehe ich nur Verlierer.
Herzliche Grüße
Hagen

10/02/2012 14:59

Vielen Dank für Ihren interessanten Artikel! Ich teile Ihre Vermutung, dass der Sündenbockmechanismus im „Skandal“ um den Bundespräsidenten eine Rolle spielt. In meinem Blog dasrettende.wordpress.com diskutiere ich diesen Aspekt aus der Sicht der „mimetischen Theorie“ des Anthropologen und Religionsphilosophen René Girard. Viel Spaß bei der Lektüre:
http://dasrettende.wordpress.com/2011/12/22/der-boese-wulff-oder-wozu-brauchen-wir-skandale

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10/02/2012 19:10

Was für ein großartiger Artikel. Er hat mich sehr beeindruckt!

"Der biblische Sündenbock, der mit den Fehlern und Sünden der Gemeinschaft beladen in die Wüste geschickt wird, ist eine Schlüsselfigur in der anthropologischen Theorie René Girards."

Mir war das Werk von René Girard gar nicht bekannt. Vielen Dank für diesen tollen Hinweis!

"Kipnis stellt klar, dass Sündenböcke nicht unschuldig sein müssen. Im Gegenteil: Ihre Vergehen machten sie sogar zu besonders guten Sündenböcken. Der Grund liege darin, dass sie dann noch besser das Fehlverhalten absorbieren können, das wir an uns selbst verleugnen. Oder anders gesagt: Wir empören uns über andere, um uns unserer eigenen moralischen Integrität zu versichern."

Das finde ich sehr ermutigend, dass auch andere dieser Meinung sind. Nochmals vielen Dank, Torsten!

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