Christian Wulff: Präsidialer Sündenbock 13/01/2012
![]() © Raimond Spekking (via Wikimedia Commons) Der Bundespräsident ist wider Willen Teil von etwas Einmaligem in unserer Geschichte geworden. Noch nie stand ein amtierendes Deutsches Staatsoberhaupt so in der öffentlichen Kritik, wie Christian Wulff. Und das stimmt mich persönlich sehr nachdenklich.
© Martina Nolte (via Wikimedia Commons) "Besser die Wahrheit" ist ein Buch, das 2008 erschienen ist. Dabei handelt es sich um ein Gespräch, das in Buchform heraus gebracht wurde. Der prominente Gesprächspartner war Christian Wulff. Der CDU Politiker wirbt darin für Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit. Und besonders deshalb steht er jetzt bei vielen in der Kritik. Und diese Kritik reißt einfach nicht ab, weil scheinbar immer neue Ungereimtheiten und Halbwahrheiten ans Licht kommen. Aber wofür wird Wulff eigentlich wirklich kritisiert? Wegen der Ungereimtheiten, dem Widerspruch zu seinem Ideal? Oder weil wir ihm so ähnlich sind? Die meisten von uns würden doch sagen: "Besser die Wahrheit" oder "Lügen haben kurze Beine". Und wie genau nehmen wir es damit, wenn unser Ansehen, unser Beruf oder unsere Beziehungen auf dem Spiel stehen? Sind wir dann nicht geneigt, uns die Wahrheit zurecht zu legen und zu verschleiern? Ganz ehrlich: ich schon. Schuldig im Sinne der Anklage. Ich habe die Vermutung, dass ich damit nicht allein bin. Und deshalb braucht unsere Gesellschaft gerade den amtierenden Bundespräsidenten - und zwar als Sündenbock. In der Bibel, im Buch Levitikus, Kapitel 16 können wir nachlesen, wie das in Israel vor sich gegangen ist. Es ging um die Vergebung der Sünden des ganzen Volkes. Der Hohepriester hatte zwei Ziegenböcke vor sich. Der eine wurde stellvertretend für das schuldbeladene Volk getötet. Dem zweiten Ziegenbock legte der Hohepriester die Hände auf und übertrug die Sünden aller auf ihn. Dann wurde das arme Tier in die Wüste gejagt. Das ist die Parallele, die ich meine: Die Medien fungieren hier als Hohepriester. Sie übertragen unsere Lügen und Unwahrheiten auf Bundespräsident Christian Wulff. Denn wir sind nicht wirklich besser als er. Aber in seinem Amt steht er nun mal im grellen Licht der Öffentlichkeit. Und nun soll er in die Wüste geschickt werden. Er soll zurück treten und in der politischen Bedeutungslosigkeit verschwinden. Denn wie die Israeliten wollen auch wir nicht dauerhaft mit unseren eigenen Fehlern konfrontiert werden. Aber das Bild ist nicht vollständig. Etwas Entscheidendes fehlt: der Ziegenbock, der sterben muss. Sonst ist das Ritual unvollständig und wirkungslos. Nein, ich denke da nicht an einen geeigneten zweiten Politiker. Aber es hat einen Menschen gegeben, der für uns schon zum Sündenbock gemacht wurde. Und das hat er mit dem Leben bezahlt. Ich rede von Jesus Christus. Anders als Christian Wulff war Jesus tatsächlich ein Mann ohne Fehl und Tadel - völlig unschuldig. Trotzdem wurde er wie ein Verbrecher zum Tode verurteilt - zum Tod durch Kreuzigung. Aber erstaunlicher Weise geschah das nicht unfreiwillig. Denn das war die Mission von Jesus. Er wollte unsere Schuld auf sich nehmen, weil er der Einzige ist, der sie wirklich tragen kann. Und er ist auch der Einzige, der uns wirklich von unserer Schuld befreien kann. Unsere Schuld auf den Bundespräsidenten zu übertragen - das funktioniert niemals. Deshalb brauchen wir auch immer wieder einen neuen Sündenbock, über den wir uns aufregen können - nur damit wir uns besser fühlen und nicht so schuldig. Oder wir bekennen Jesus unsere Schuld - die Halbwahrheiten, Notlügen und Ungereimtheiten. Ich mache das so: Ich bete und sage: "Jesus, ich habe gelogen. Es tut mir leid. Bitte vergib mir meine Schuld und gib mir die Kraft, wahrhaftig zu sein. Danke, dass Du meine Schuld am Kreuz getragen hast. (Amen.)" Ich kann Dir versprechen: Das funktioniert. Ganz egal ob Du Bundespräsident bist oder ein stinknormaler Bürger. Was haltet Ihr vom Skandal um unser Staatsoberhaupt? Und wie geht Ihr damit um, wenn Ihr Eurem Ideal nicht gerecht werden könnt? Bin gespannt auf Eure Meinungen und Geschichten! Artikel zum Thema
CommentsHans K. böhringer 16/01/2012 08:57
Ihre Sicht der Dinge ist sehr einseitig. 16/01/2012 10:15
Sehr geehrter Herr Böhringer, Hans K. Böhringer 19/01/2012 16:31
Ich kann Ihnen in Ihrer Sicht der Dinge nicht widersprechen. Sie sehen das rein menschlich im Sinne "vor Gott sind alle Menschen gleich". Ich sehe es als Thema der Öffentlichkeit und da macht es schon einen Unterschied, wenn der Bundespräsident lügt und verschleiert. Es geht um Vertrauen in die Person, die das höchste Staatsamt ausfüllen soll. Klar, dass ein Mensch auch da fehleranfällig ist, aber er müsste dann auch konsequent zu seinen gemachten Fehlern stehen. Dann könnten ihm sicher auch die Bürger verzeihen, aber so, wie das in den letzten Wochen abläuft, verliert er die Achtung und das wiederum ist mit dem Amt nicht vereinbar. 19/01/2012 18:09
Hallo Herr Böhringer, 16/01/2012 12:10
Hallo Dominique. 16/01/2012 15:20
Grüße Hagen, Hans K. Böhringer 19/01/2012 16:46
Hallo Hagen, 23/01/2012 11:15
Hallo Hans! Vielen Dank für Ihren interessanten Artikel! Ich teile Ihre Vermutung, dass der Sündenbockmechanismus im „Skandal“ um den Bundespräsidenten eine Rolle spielt. In meinem Blog dasrettende.wordpress.com diskutiere ich diesen Aspekt aus der Sicht der „mimetischen Theorie“ des Anthropologen und Religionsphilosophen René Girard. Viel Spaß bei der Lektüre: 10/02/2012 19:10
Was für ein großartiger Artikel. Er hat mich sehr beeindruckt! Leave a Reply |




